Interview mit Lisa Yashodhara Haller und Alicia Schlender: „Im deutschsprachigen Raum befinden sich feministische Debatten um Elternschaft an einem Wendepunkt.”

Im Verlag Barbara Budrich ist erschienen:

Handbuch Feministische Perspektiven auf Elternschaft

von Lisa Yashodhara Haller, Alicia Schlender (Hrsg.)

 

Über das Buch

Elternschaft: Eine ausgesparte Perspektive in der feministischen Auseinandersetzung? Lange Zeit beschäftigten sich feministische Debatten kaum mit Elternschaft und Familie. Der bis in die Gegenwart hinein tonangebende Gleichheitsfeminismus orientiert sich an der Gleichheit mit Männern – ungebunden und durch Frauen von Fürsorge befreit. Zeiten ändern sich: Ein Bedeutungswandel in der Perspektive auf Elternschaft hält Einzug in feministische Auseinandersetzungen und Kämpfe. Nicht länger richten diese sich gegen die Familie, sondern gegen Verhältnisse, in denen das Leben mit Kindern zur Zumutung wird. Das Handbuch vereint 50 Stimmen des Feminismus zum Thema Elternschaft. Die Beiträge gehen anhand von Schlagwörtern der Frage nach, wie Mutterschaft, Vaterschaft und Elternschaft in unterschiedlichen feministischen Strömungen verarbeitet werden. Wie werden rechtliche Aspekte der Ausübung von Mutter- und Vaterschaft ausgelegt? Welche Wege führen in die Elternschaft? Und wie sehen feministische Utopien eines guten Lebens mit Kindern aus?

 

Kurzvita der Herausgeberinnen in eigenen Worten

Dr. Lisa Yashodhara Haller studierte Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und der Philipps-Universität Marburg. Als Studentische und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am WZB Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung untersuchte sie die Reform des Unterhaltsrechts auf ihre geschlechterpolitischen Implikationen. Im Anschluss wurde Haller in der Nachwuchsgruppe JEAP – Junge Erwachsene zwischen Aktivierung und Prekarisierung. Institutionelle Interventionen und biographische Verarbeitung im Wohlfahrtsstaat an der Universität Kassel promoviert. Als Postdoc war sie am SOP – Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Stiftung Universität Hildesheim im Projekt MOM Macht und Ohnmacht der Mutterschaft, am ISS – Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Frankfurt a.M. für die Geschäftsstelle Dritter Gleichstellungsbericht der Bundesregierung und am IfS Institut für Sozialforschung an der Goethe-Universität Frankfurt a.M. tätig.

In ihrer Forschung konzentriert sie sich auf vergleichende Forschung zu Familienpolitik, Soziale Arbeit als angewandte Sozialpolitik, Sozialwirtschaft und Wohlfahrtstaatsanalysen, empirischer Paar- und Geschlechterforschung sowie feministischen Gesellschaftsanalysen.

© Foto: Benjamin Jenak

Alicia Schlender studierte Liberal Arts and Sciences mit dem Schwerpunkt Governance am University College in Freiburg und an der Universität Oslo sowie Gender Studies an der Georg-August-Universität Göttingen. Schlender war als Wissenschaftliche Hilfskraft am Göttinger Centrum für Geschlechterforschung tätig. Sie bietet Workshops in den Themenfeldern Feminismus und Mutterschaft und feministischer Familienkritik an, war Lehrbeauftragte der Georg-August-Universität Göttingen und der Humboldt-Universität Berlin und promoviert im Lehrbereich Soziologie der Arbeit und Geschlechterverhältnisse an der Humboldt-Universität zu Berlin.

In ihrer Forschung konzentriert sie sich auf feministische Kritiken der Kleinfamiliennorm und die Vergeschlechtlichung innerfamiliärer Arbeitsteilung sowie auf alternative Familienmodelle wie Co-Elternschaften.

 

1) Liebe Lisa Yashodhara Haller, liebe Alicia Schlender, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Handbuch feministische Perspektiven auf Elternschaft für unsere Leser*innen zusammen.

Im deutschsprachigen Raum befinden sich feministische Debatten um Elternschaft und Familiengründung derzeit an einem Wendepunkt. In Europa war lange Zeit der Gleichheitsfeminismus und seine Idealisierung des autonomen Subjekts, das von Fürsorgeverpflichtungen losgelöst agiert, dominierend. Weil ein abhängiges Kind der mütterlichen Autonomie Grenzen setzt, war die Familiengründung und Mutterschaft lange Zeit Gegenstand feministischer Abgrenzungsbemühungen. Aktuell erleben wir eine Horizonterweiterung in den feministischen Perspektiven auf Elternschaft, die sich immer häufiger an differenzfeministische Argumentationsfiguren, etwa der Freiheit durch Angewiesenheit oder der Macht durch Mutterschaft orientieren. Wir kennen derartige Argumente bislang eher aus der US-amerikanischen Black Feminism Bewegung, peu à peu halten sie aber auch in hiesige Debatten Einzug. Allerdings bleiben alte und neue Argumente in den feministischen Debatten um Elternschaft in vielerlei Hinsicht fragmentiert. Mit dem Handbuch möchten wir implizite Argumentationsfiguren rund um die Familiengründung explizieren und so die verschiedenen feministischen Perspektiven auf Elternschaft transparent machen.

Entsprechend vereint das Handbuch 50 feministische Stimmen zum Thema Elternschaft und gliedert sich dabei in fünf Rubriken:

  1. Mit der Frage, wie Mutterschaft, Vaterschaft und Elternschaft in unterschiedlichen Strömungen verarbeitet werden, beschäftigt sich die erste Rubrik.
  2. Feministische Perspektiven auf die Bestimmung von Elternschaft im Recht und die institutionelle Ausübung beispielsweise in der Kinder- und Jugendhilfe ist Gegenstand der zweiten Rubrik.
  3. Die verschiedenen Wege in die Elternschaft von der Kinderwunschbehandlung, über Fehlgeburten und Geburtsvorbereitungskursen bis hin zu den politischen Debatten um die Pränataldiagnostik sind Themen der dritten Rubrik.
  4. Die vierte Rubrik thematisiert feministische Perspektiven auf das Leben mit Kindern von Fragen der Säuglingsernährung und den Diskursen um das Stillen über die elterliche Arbeitsteilung und den damit einhergehenden Paardynamiken. Auch die begleitete Elternschaft, wenn Eltern ihre Kinder nicht alleine versorgen können, ist Thema der Rubrik.
  5. Schließlich geht es in der fünften Rubrik um Utopien vom Leben mit Kindern, um Co-Elternschaft, Familienpolitik, Emanzipation, Freiheit, Polyamorie und Kollektivität.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Einerseits interessiert uns die beschriebene Fokusverschiebung, die Abkehr vom Paradigma der Gleichheit, wie sie von liberalen Feministinnen vertreten wurde, etwa Simon de Beauvoir, die die Gründung einer Familie als Stachel in der Emanzipation der Frau beschreibt, hin zu Argumentationsfiguren, die Freiheit erst durch Bindung und damit im weitesten Sinne durch die Schaffung familiärer Beziehungen verwirklicht sehen. Andererseits waren auch die vielschichtigen gesellschaftlichen Entwicklungen, die Elternschaft heute flankieren, ein „Stein des Anstoßes“ für die Herausgabe des Handbuches.

Nicht zuletzt fordern neue Realitäten von Elternschaft das Recht, die Gesellschaft, aber auch unsere feministischen Perspektiven auf Elternschaft heraus. So ist es bemerkenswert, dass der Queerfeminismus die feministischen Debatten um Elternschaft im deutschsprachigen Raum maßgeblich vorangebracht hat. Hier treffen wir auf eine Paradoxie, dass nämlich just die bislang prekäre Positionen von Personen die Elternschaft jenseits der Norm leben, die Macht verdeutlichen, die mit Empfängnis, Schwangerschaft, Geburt und der Verantwortung für Kinder – kurz der Familiengründung, einhergeht. Eine so spannende Entwicklung konnten wir als Herausgeberinnen nicht unverbunden stehen lassen.

 

3) Welchen Herausforderungen steht die Erforschung feministischer Perspektiven auf Elternschaft derzeit gegenüber?

Eine ganz praktische Herausforderung stellt die Eingrenzung des Themas dar, dass für uns als Herausgeberinnen immer wieder zum zentralen Problem wurde. Wir hätten gerne die dreifache Anzahl an Beiträgen und damit Schlagworten zu dem Thema aufgenommen und bedauern es sehr, dass wichtige Themen wie Single Mother by Choice, Regretting Motherhood oder Freundschaft und Kinder nicht im Handbuch vertreten sind. Neben diesen praktischen Herausforderungen bestehen jedoch auch eine Vielzahl inhaltlicher Spannungsverhältnisse, die von feministischer Seite unterschiedlich bearbeitet aber nicht aufgelöst werden können. Hier gibt es regelmäßig Konflikte. Beispielsweise bei der Frage, ob die Pränataldiagnostik, als Kassenleistung übernommen werden soll. Solche Spannungsverhältnisse gibt es mannigfaltige! Stark gegensätzliche Positionen gibt es zu der Frage, ob die erste Elternstelle weiterhin alleine der Geburtsmutter obliegen soll. Die Frage betrifft unterschiedliche Sachverhalte, zum einen die Eizellenspende. Sofern die erste Elternstelle alleine von der Geburtsmutter belegbar ist, bleibt auch Leihmutterschaft ausgeschlossen und damit einhergehend schwule Vaterschaft jenseits der Adoption. Zudem werden trans Männer, die nach einer Geschlechtsumwandung ein Kind gebären, durch die Zuweisung der ersten Elternstelle an die Geburtsmutter als Mütter, nicht als Väter im Geburtsregister vermerkt. Für die unterschiedlichen Sachverhalte bedarf es hier differenzierte feministische Analysen. Wir möchten mit dem Handbuch Brücken zwischen den Themen schlagen und gerade auch auf Konfliktlinien hinweisen.

 

4) Welche Aspekte von Elternschaft werden Ihrer Einschätzung nach künftig stärker in den Fokus feministischer Betrachtungen rücken?

Die rechtlichen Kämpfe um die Anerkennung verschiedener Elternpositionen ist derzeit ein hochaktuelles Thema, das sich sicher noch weiter zuspitzen wird. Dabei geht es insbesondere um die Frage, wer rechtliches Elternteil eines Kindes sein kann und ob dabei die genetische Herkunft, gegenüber der rechtlichen Abstammung mehr Bedeutung gewinnen sollte. Letzte wäre aus einer feministischen Perspektive hochproblematisch!

Während es im Moment also viel um Fragen der Anerkennung geht, wird es zukünftig hoffentlich wieder mehr um Fragen der Umverteilung gehen. Neben dem Dauerbrenner, der Umverteilung zwischen Kinderlosen und Familien, wird auch die Frage der Umverteilung zwischen einkommensstarken und einkommensschwachen Eltern familienpolitisch stärker diskutiert werden müssen. Auch werden reproduktive Rechte mit Blick auf assistierte Reproduktion und deren Finanzierung in Zukunft noch mehr Aufmerksamkeit erlangen, da der Bedarf weiter steigt. Und last but not least wird damit das Thema der Reproduktiven Gerechtigkeit in den Fokus feministischer Betrachtungen rücken.

 

5) Darum sind wir Autorinnen bei Budrich

Die Themen des Handbuches sind, wenn wir sie den Disziplinen zuordnen zwischen der Politikwissenschaft, den Gender Studies, der Sozialen Arbeit und dem Recht angesiedelt. Für den Barbara Budrich Verlag haben wir uns entschieden, weil wir das Handbuch in seiner disziplinären Vielfalt und seinen feministischen Fokus hier am besten platziert fanden.

 

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Lisa Yashodhara Haller, Alicia Schlender (Hrsg.): Handbuch Feministische Perspektiven auf Elternschaft

 

 

 

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